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01.08.2015 21:30 Alter: 4 yrs

Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß

VON MARKUS PFISTERER


Einst wurden die Ringe getauscht, bei Trennung und Scheidung geht oft ein Riss durch die Seelen der Partner. FOTO: DPATeamwork: Michael Gissibl, Johannes Kiuntke und Lara Schmidt-Rüdt (von links). FOTO: PFI

Einst wurden die Ringe getauscht, bei Trennung und Scheidung geht oft ein Riss durch die Seelen der Partner. FOTO: DPATeamwork

METZINGEN/BAD URACH. Vorwürfe regieren: »Du bist gegangen.« – »Du hattest zu wenig Zeit für mich.« – »Du hetzt die Kinder gegen mich auf.« Zwischen getrennt oder geschieden lebenden Ex-Partnern breitet sich oft eine hässliche Eigendynamik aus und eine Einbahnsicht. Ein Riss ging nicht nur durch die Ehe, sondern geht auch durch die Seelen. Verhärtung außen und innen.

Neuhausens Pfarrer Johannes Kiuntke und die Rechtsanwälte Lara Schmidt-Rüdt und ihr Mann Michael Gissibl von der Schlichtungsstelle Ermstal in Bad Urach kennen die Fronten zwischen ehemaligen Eheleuten zur Genüge. Nicht nur von Berufs wegen. Kiuntke, geschieden und wiederverheiratet, hat zudem erfahren müssen, dass sich Christen nach seiner Scheidung von ihm abgewandt haben. »Bis dass der Tod euch scheidet« ist auch bei manchem Evangelen bis heute ein unverrückbares Gebot. Verstoß dagegen führt zur Ausgrenzung.

Sich in Würde trennen

Nicht zuletzt wegen der schmerzhaften eigenen Erlebnisse ist der Pfarrer neue Wege gegangen. In logopädischer Paartherapie hat er sich fortbilden lassen. Und zum zweiten Mal nach 2014 bietet er nun mit Gissibl und Schmidt-Rüdt den Kurs »Lieben – Scheitern – Leben« im Haus Matizzo an. Die Teilnehmer finden im Kurs einen Schutzraum, in dem sie all ihre Gefühle zeigen dürfen: Wut, Beschämung, Trauer, Verzweiflung, auch Versagensgefühle oder Schuld. Sie zu äußern, ohne angegriffen zu werden, kann befreien. »Im ersten Kurs vergangenes Jahr gab es 25 verschiedene Gefühle«, blickt Kiuntke zurück, »hat sie einer geäußert, haben alle anderen sie bei sich wiedererkannt«.

Auch Anstöße für einen weniger vorwurfsvollen Umgang wollen die Kursleiter geben. Die Partner lernen, (Schmidt-Rüdt) »sich in Würde zu trennen«. Was durch persönliche Briefe oder das ritualartige Zurückgeben der Ringe geschehen kann. Sie lernen anzunehmen, dass es nicht um Weiß (Ehe) und Schwarz (Scheidung) geht, sondern selbst eine zeitlich begrenzte Ehe als Geschenk begriffen werden kann. Dass »Scheitern«, ohnehin ein gesellschaftlich definierter Negativ-Begriff, also sein darf. Dass Trennung nicht nur mit Schuld und Verfehlungen zu tun hat, sondern oft auch damit, dass die Passung nicht mehr stimmt, weil die Menschen sich verschieden entwickelt haben. Oder damit, dass unerwünschte eigene Eigenschaften aufs Gegenüber projiziert werden.

Spiritueller Bedarf ist da

Aber die Kursteilnehmer können auch erinnern, was durch den anderen erst ins eigene Leben gekommen ist: Kinder oder die Liebe zur Kunst etwa. Um die Vergebung von Fehlern, ohne die innere Befreiung oft nicht möglich ist, geht es im einzigen geistlich geprägten Kursteil. Über rechtliche Möglichkeiten, vor allem die der Mediation, informieren Schmidt-Rüdt und Gissibl am Abendtermin.

Bundesweit gibt es Kurse à la »Lieben – Scheitern – Leben« bisher nur in Erlangen, Schwabach bei Nürnberg, Frankfurt und Metzingen. Kiuntke möchte bei der Schulung weiterer Pfarrer helfen. Auch bei Geschiedenen ist großer Bedarf da. »Spiritueller Raum und moralische Fragen spielen eine große Rolle«, weiß Lara Schmidt-Rüdt, die ehemalige Amtsrichterin. Doch zum Pfarrer trauen sich nicht viele, weil sie fürchten, von erzkonservativ denkenden Geistlichen (Gissibl) »angeprangert oder verurteilt zu werden«.

Die Uracher Konfliktoren begehen die Brücke mit liberaleren Pastoren wie Johannes Kiuntke. In ihrem eigenen Büro haben sie in gut elf Jahren über 1 000 Paare begleitet, am runden Tisch neue Ebenen der Begegnung und Verständigung gefunden. Lösungen, mit denen beide befreit weiterleben konnten, anstelle der noch so häufigen »Ich möchte von dir haben«-Haltung. (GEA) 


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